Donnerstag, 22. September 2016

Alle gegen Rojava (Manfred Sohn)


Nun also marschieren sie. Mit Panzern, Artillerie, türkischen und US-amerikanischen Flugzeugen hat die Militäroperation gegen die nördlichen Kantone Syriens begonnen. Der Islamische Staat (IS) ist entgegen den Erklärungen des türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdoğan nicht Ziel der Angriffe. Der IS ist vor allem dank des Kampfes kurdischer Einheiten bereits geschwächt – und dies trotz der immer offensichtlicher werdenden Unterstützung durch das Regime Erdoğan. Die gegenwärtige militärische Operation ist kein Todesstoß für den IS. Sie ist stattdessen ein Stoß gegen die Kräfte, die dem IS in Nordsyrien, in Rojava, erfolgreich die Stirn geboten haben.

Erdoğan begründete den Angriff auf Dscharabulus in einer Rede so: »Diesen Morgen begann ein Einsatz in Nordsyrien gegen die Terrorgruppen, die permanent unser Land bedrohen, wie der IS und die PYD.« Bei näherer Betrachtung wird klar, gegen wen sich das Feuer aus türkischer Artillerie und von 1500 schwerbewaffneten islamischen Kriegern richtet: gegen die Partiya Yekitîya Demokrat (dt. Partei der Demokratischen Union, abgekürzt PYD). Diese Partei bedroht die Türkei und den Rest der Welt genauso viel oder so wenig wie die Pariser Kommune 1871 Preußen bedrohte oder die Bolschewiki 1917 England, Frankreich und die USA bedrohten. Allerdings ging von diesen historischen Beispielen eine viel größere als militärische Bedrohung für alle etablierten kapitalistischen Mächte dieser Welt aus. Sie drohten ein Beispiel dafür zu werden, dass eine Welt jenseits der ständigen Jagd nach Mehrwert und Profit möglich ist. Also mussten sie mit allen Mitteln in der Wiege erwürgt, erdrosselt, gemeuchelt werden. Folglich half Preußen die Commune zu zerschlagen und zogen die Entente-Mächte gegen die junge Sowjetrepublik.

Vor nunmehr gut vier Jahren, 2012, gelang es den Kurdinnen und Kurden im Machtvakuum des syrischen Bürgerkrieges in dem in Nordsyrien gelegenen Gebiet Rojava mit seinen drei Kantonen – Afrin, Kobani und Cizire – autonome Selbstverwaltungen nach dem Vorbild der Pariser Kommune zu errichten und gegen alle Angriffe des IS erfolgreich zu verteidigen. Das Beispiel dieser hart erkämpften Selbstverwaltung der dort lebenden mehr als zwei Millionen Menschen strahlt zunehmend auf andere Teile Syriens, die Türkei und darüber hinaus auf den gesamten Nahen Osten aus.

Diese Flamme der Revolution in Rojava zu ersticken ist der eigentliche Sinn des Krieges, den der türkische Präsident jetzt erklärt hat. Es ist ein Krieg gegen den erklärten Willen der Millionen Menschen in Rojava, die auf ihr Recht auf Selbstverwaltung bestehen werden. Erdoğan kann den Krieg nicht führen, geschweige denn gewinnen ohne Hilfe mächtiger Verbündeter. Er hat sie gefunden in allen Mächten, die durch viele Interessen geteilt, aber in einem geeint sind: Jede revolutionäre Erhebung auf diesem Globus, wo immer sie ihr Haupt zeigt, muss schnellstmöglich enthauptet werden. Dazu hat sich Erdoğan der Mithilfe des orthodox gläubigen Christen Wladimir Putin wie auch der Mithilfe der immer mit Gott verbündeten USA vergewissert. Sie haben unterschiedliche Interessen, sind sich aber einig darin, dass Rojava kein zusammenhängendes autonomes Gebiet bilden darf. Die gegenwärtige Lage ließe sich ungefähr so zusammenfassen: Die Türkei will Rojava zerschlagen, weil sie davon Ausstrahlung auf die eigenen kurdischen Gebiete befürchtet und ihr Korridor zum IS von der PYD geschlossen werden könnte. Russland will Rojava zerschlagen, weil es – Assad weiter unterstützend – den Staat Syrien in seiner jetzigen Grundstruktur und ohne autonome Gebiete aufrechterhalten will. Die USA wollen Rojava zerschlagen, weil sie nirgends in ihrem Macht- und Einflussbereich positive Alternativen zu dem von ihnen angerichteten Chaos zulassen dürfen. In diesem Bündnis darf das christlich geführte Deutschland nicht fehlen. Martin Schäfer, Sprecher des Auswärtigen Amtes erklärte am Tag nach dem Marsch auf Dscharabulus: »Es ist offensichtlich, dass eines der wichtigsten Interessen der Türkei darin besteht, dass auf der anderen Seite der türkisch-syrischen Grenze kein Gebiet entsteht, das unter totaler Kontrolle der Kurden steht.«

Das Blut, das jetzt in Rojava fließen wird, klebt auch an den Händen der Regierung der Bundesrepublik Deutschland. Die Schlächter werden nicht ruhen, bis sie wie einst die letzten Kommunarden von Paris auch die letzten Frauen der Revolution von Rojava getötet haben – es sei denn, es gelänge, eine internationale Solidaritätsbewegung zu schaffen, die sich schützend vor diese Flamme der Hoffnung stellt mit dem Ruf: »Alle für Rojava«!

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